OPERATION CHEESESTORM

OPERATION

CHEESESTORM

"Hier sehe ich eine Gelegenheit für dich, deine Ängste zu besiegen, Balloo …"
Meister Alois | Honiggurt | Kapitel 1

MANI D. BÄDLE

EIN BUCH VON

MANI D. BÄDLE

Lassen Sie sich von seinem ersten Roman verführen und treffen Sie den Autor in den sozialen Netzwerken.

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335

Seiten "Swizologie"

700

Arbeitstage

1400

Tassen Kaffee (ja, wirklich!)

Leseproben

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In einer alternativen Eidgenossenschaft, der Swiz, wo Menschen, Tiere, aber auch zahlreiche Vertreter der „dritten Art“ friedlich miteinander leben, wütet eine seltsame Terrorismus-Seuche. Doch ist die Welle explodierender Fonduetöpfe, die alle Kantone mit Furcht und Schrecken überzieht, vielleicht nur eine Verschleierungstaktik? Das Vorspiel zu einer viel bedrohlicheren Zukunft? Drei Kinder, die etwas anders sind als andere, finden eine geheimnisvolle Botschaft, die in der Scherbe eines Fonduetopfs eingraviert ist. Gemeinsam mit ihrem Adoptivvater, einem ehemaligen, desillusionierten Bankmanager, der so tut, als habe er noch eine Arbeit, stürzen sie sich in ein Abenteuer, das sie bis ans Ende der Welt bringen und ihr Leben für immer verändern wird. Vor allem aber werden sie über sich selbst hinauswachsen müssen …  Hier sind einige Leseproben!

Die Figuren

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Balloo ist der älteste von drei Brüdern und einer der Hauptfiguren dieser Geschichte. Wie die anderen Vertreter der „dritten Art“ ist er mit Leben und Sprachvermögen gesegnet. Er hält sich für mutig, doch die Unsicherheiten, die mit dem Erwachsenwerden einhergehen, haben ihn fest im Griff. Das gilt auch für seine Gelüste auf Markenhonig. Obwohl er sich seinen Brüdern gegenüber etwas tyrannisch verhält, ist er furchtsam und despektierlich. Dafür hat er einen bissigen Humor, der häufig ins Schwarze trifft. Widerwillig – oder vielleicht doch nicht – gerät er mit seinen Brüdern in ein turbulentes Abenteuer, das ihn hoffentlich ein wenig verändern wird, und zwar zum Guten.

Zébri ist Balloos Bruder. Er ist ruhiger, aber ebenfalls intelligent, und stellt gekonnt eine Verbindung zwischen seinem ältesten und seinem jüngsten Bruder her. Besessen von elektronischer Musik möchte er später in diesem Bereich Karriere machen. Er besucht die gleiche mehrsprachige Schule am Zuricer Stadtrand wie seine Brüder. Auch schaut er sich gern Fotos von leichtbekleideten Sternchen in der Skandalpresse an, die er in öffentlichen Verkehrsmitteln findet. Doch wird er bei alldem in der Lage sein, wichtige Indizien zu erkennen?

Touki ist der jüngste und gefühlvollste von den dreien, trotzdem ist er nicht ganz so griesgrämig wie Balloo. Sein Look geht in Richtung bunter Rasta. Er ist so etwas wie der Handlanger des Älteren, denn er spricht noch schlecht Französisch, kann dafür aber fliegen! Besteht vielleicht die Gefahr, dass sein angeborenes Einfühlungsvermögen die Brüder ins Verderben stürzt? Wie auch immer: Er ist ein unentbehrlicher Weggefährte, der trotz seines beschränkten Vokabulars manchmal auf erstaunliche Mittel zurückgreift.

Hans-Pierre ist so etwas wie der Antiheld der Geschichte und nebenbei ihr Vater. Er ist begeisterter Kletterer und Squash-Spieler und beobachtet gelegentlich Vögel, vor allem aber ist der Ex-Banker seit einigen Monaten arbeitslos. Er hat es vorgezogen, seinen Liebsten nichts darüber zu erzählen. Mit zahlreichen Tricks, die bis ins Kleinste durchdacht sind, hält er die Täuschung erfolgreich aufrecht. Er ist nur fünf Jahre von der 50 entfernt und hat Angst vor der Zukunft. Aber die Technologie, mit der er sich umgibt, ist ein wertvolles Werkzeug – auch und vor allem für andere.

Sigrid, die Mutter, sie hat gerade erst die 40 überschritten, ahnt von alldem nichts. Aber wie lange noch? Sie ist fleißig und vertrauenswürdig, doch dem äußeren Anschein zum Trotz ist sie nicht so Swizerisch wie ihr französischsprachiger Gatte, der – halb Appenzeller, halb Jurassier – die Korken von Weinflaschen recycelt. Weil sie den Kindern näher steht als er, versteht sie deren Lebensweise besser, die aus sozialen Netzwerken, Schulalltag und nicht immer ehrlichen Freundschaften besteht. Ihre Eltern sind zwar Ausländer, aber sie sind schon lange in der Eidgenossenschaft verwurzelt. Sie nehmen die müden Helden bei sich auf und bewahren Stillschweigen über deren Ausflüge, ohne es wirklich zu merken.

Wouter ist Hans-Pierres gleichaltriger bester Freund und der einzige Mitwisser seit Beginn seiner Schwierigkeiten. Der Familienvater kann auf ihn zählen, wenn es darum geht, ihn zu motivieren und ab und zu auszuführen, ungeachtet der Folgen. Wouter stammt aus Holland, und der Eifer, den er an den Tag legt, um seinen alten Kumpel beim Squash zu schlagen, ist nur mit seiner Leidenschaft fürs Sparen vergleichbar.

Ahmet und Alexander gehören zu den Leidensgenossen des Familienvaters. Gemeinsam nehmen sie an Maßnahmen teil, um wieder eine Arbeit zu finden. Wird Hans-Pierre nicht darüber eher die Hoffnung verlieren?

Luigi ist ein echter Geek, groß, pickelig, dünn wie eine Bohnenstange und kurzsichtig wie ein Maulwurf. Er ist Toukis Klassenkamerad, außerdem noch Computerfreak und Fan zweifelhafter Modifikationen. Zwar ist er ein Quell an relevanten Informationen, doch zu welchem Preis? Luigis Vater für seinen Teil wurde mit Luxus-Eiskreme reich und besaß eine Fabrik, die er an einen Konzern verkauft hat, den er nichtsdestotrotz immer noch beliefert.

Meister Alois, handelt es sich wirklich um seinen richtigen Namen, ist Kampfkunstlehrer. Er bringt Balloo, Zébri, Hans-Pierre und einigen anderen Sanbudokas Jiu-Jitsu bei, darunter der tätowierten Kareen aus Bäärn, deren Akzent für einige unverständlich ist und Res, der im Auftrag von Gastronomen halbtags kleine Tiere jagt. Die asiatischen Vorfahren des Meisters sowie sein Alter sind unbekannt, zumal er kahl ist. Oder rasiert er sich etwa den Schädel? Seine wenigen, philosophisch angehauchten Äußerungen sind immer lehrreich, sogar für Balloo.

Stella, die (sehr) hübsche Schokolatista ist die beste Freundin der Kinder. In ihrer Freizeit beschäftigt sie sich mit Esoterik und wohnt in einem alten Haus am Standrand von Zuric. Tagsüber arbeitet sie in einem In-Laden in Stadelhofen, der zu einer bekannten Ausschankkette gehört. Sie ist die Königin des Latte und wegen ihrer Kreationen der Liebling der Studenten. Aber was verbirgt sich wirklich hinter ihrem gänzlich natürlichen Charme und ihrem verheerend guten Aussehen?

Nummer Elf und Nummer Zwölf sind so gewandt wie sie heimtückisch sind und gehören zu den verhängnisvollen Gegnern, die den Weg der Helden kreuzen. Auch die Zwillinge teilen die Leidenschaft für Kampfkunst und sind extrem gefährlich. Obwohl sie unterschiedlichen Geschlechtern angehören, tragen beide einen Zopf – auch während ihrer nächtlichen Ladetätigkeiten.

Azhamma mit ihren zwei Süßen ist Nachtwächterin. Auch sie gehört der „dritten Art“ an, allerdings schleppt sie ihre hohen Absätze schon lang durch diese Welt. Gemäß ihrer gebieterischen Natur trägt sie einen äußerst wirkungsvollen Gegenstand bei sich, der eigens für ihre beiden Begleiter gedacht ist, von dem einer allerdings eine seltsame Zuneigung an den Tag legt.

Blerim und Izmir sind zwei sympathische Lagerarbeiter, die eine große Leidenschaft für Ballsport und stark gewürzte Gerichte zur späten Stunde hegen. Wird ihre zufällige Entdeckung dazu führen, dass die Kinder auf ihrer Suche nach der Wahrheit scheitern?

Cora und ihr Partner sind zu allem entschlossen, aber nur einer von ihnen legt einen besonders abenteuerlichen Kleidergeschmack an den Tag. Sie träumen davon, die Welt zu verändern und eine neue Gesellschaft zu gründen, in der nachhaltiges Wachstum gleichbedeutend ist mit eher … zweifelhaften Kulturen.

Eusebio Machiaviello ist der Direktor der Schule. Er leidet häufig an Juckreiz und weicht keinen Millimeter zurück, wenn es ums Wachstum seiner Einrichtung geht. Wo er doch Marketing mit Schwerpunkt Sponsoring und Crowd Funding studiert hat, bevor er auf Lehramt umgeschult hat! Seine Angestellten, darunter Madame Dard, eine Französischlehrerin, die sich gern mit geschmacklich fragwürdigem Klunker schmückt und mit der Touki sich gut zu verstehen scheint, stehen für ihn an vorderster Front. Aber hat die eidgenössische Erziehung wirklich solche Vertreter nötig?

Ken begegnen wir an einem friedlichen und geschichtsträchtigen Ort, umgeben von tausenden duftenden Pflanzen und geheimnisvollen Statuen. Doch ist er wirklich der musikliebende Bettler, für den er sich ausgibt? Und was haben die Tätowierungen auf seinem Unterarm zu bedeuten?

Ling Ling, ebenfalls ein Mitglied der „dritten Art“, ist von Bitterkeit und Trauer erfüllt, die er tagtäglich erduldet, ohne zu murren. Wird er sich dem Bösen zuwenden und damit das Ende eines unserer Helden heraufbeschwören, oder gibt es noch Hoffnung für ihn? Nur dumm, dass er seiner Lieblingsnascherei schwer widerstehen kann, wenn man ihn damit lockt…

Wer verbirgt sich hinter dem Großen Bösewicht unserer Geschichte? Zu welcher unheilvollen Handlung hat er Herrn Wang und seine Schergen angestiftet, die wie ein böser Spuk in der Eidgenossenschaft auftauchen? Und warum hasst er die Eidgenossenschaft so? Sein Talent für medienwirksame, theatralische Aktionen und sein Größenwahn sind nicht zu leugnen, trotz seiner eher mangelhaften französischen Aussprache. Er scheint auch ein gewisses Interesse an Haustieren zu haben, die mindestens so exotisch sind wie Touki, aber um Längen gefährlicher…

Prolog

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Balloo ist ein Teddybär, der zweisprachig ist und mindestens Französisch beherrscht, wenn nicht sogar Englisch. Zumindest würde er es gern glauben. Sein Swizerditsch lässt allerdings noch zu wünschen übrig, vor allem hat er Schwierigkeiten mit dem Wahalliser Dialekt und dem Bäärner Ditsch, dessen Trägheit ihm wirklich zu schaffen macht. Ein wenig Italienisch kann er auch, indem er hier ein „o“, dort ein „a“ ans Wortende setzt. Dafür kann er sich mit seinem Englisch immer aus der Affäre ziehen, auch wenn sich seine Kenntnisse sehr an amerikanischen Blockbustern orientieren. Er ist ein großer Fan, und sein aktueller Lieblingsfilm ist Galaxy Wars, Episode 3, der bei ihm einen unauslöschlichen, quasi semi-permanenten Eindruck hinterlassen hat. Er hat sogar angefangen, mit der Kraft seiner Gedanken, Dinge schweben zu lassen – zumindest bis zum nächsten Film – aber es klappt nicht immer. Dann hält er sich für Dark Balloo und redet auch so, trotzdem befindet er sich auf der hellen Seite der Macht. Er vermischt gern Dinge, wie es ihm gerade in den Kram passt, was es für diejenigen, die nicht mit ihm leben, schwer nachvollziehbar macht.

Und auch für diejenigen, die es tun! Dennoch lebt es sich gut mit Zébri, Touki und den anderen. Eigentlich gibt es noch viel mehr von ihnen, aber diese behalten wir uns eventuell für andere Geschichten vor. Für den Moment konzentrieren wir uns auf Zébri, den Zweitältesten nach Balloo. Die beiden sind unzertrennlich, auch wenn Zébris große Leidenschaft etwas ist, was der Älteste bis auf eine Ausnahme verabscheut: nämlich elektronische Musik. Zébri möchte eines Tages als DJ Karriere machen, aber bisher hat er niemandem davon erzählt, aus Angst, unverstanden zu werden. Außerdem wäre das eine Premiere in der Familie, und sein Vater wie auch seine Mutter kommen aus eher konservativen Verhältnissen.

Zu guter Letzt wäre da noch Touki, ein farbenfroher Vogel, der vage an einen tschernobylisierten Specht erinnert und dessen Französischkenntnisse noch recht überschaubar sind. Er gehört erst seit wenigen Monaten zur Familie. Überhaupt redet Touki ein wenig wie Froda aus Galaxy Wars, aber er ist immer hilfsbereit, was der große Bruder nur zu gern ausnutzt. Obwohl Balloo pfiffig ist, kommt er schlecht an die obersten Schrankfächer heran, wo die Familie, bei der er lebt, den Frühstückshonig aufbewahrt.

Auch wenn Balloo aus Schaumstoff und zusammengenähten Stücken besteht – fast ohne sichtbare Details, versteht sich, schließlich ist er ein Swizer Fabrikat – bleibt er dennoch mit jeder Faser ein Bär. Seine Liebe zum Bienennektar wird höchstens von seinem Einfallsreichtum übertroffen, den er an den Tag legt, um an sein hungerstillendes, nicht immer rühmliches Ziel zu gelangen. Am liebsten mag er den kanadischen weißen Honig von Clever Crust, den sein „Papa“ bei Majestic holt, einem der großen Einkaufszentren des Landes. Seine „Mama“ weigert sich oft, auch nur einen Fuß dorthin zu setzen. Classino, eine andere beliebte Lebensmittelkette in der Swiz, entspricht da mehr ihrer Persönlichkeit. Die Familie wohnt an der Kohleküste, einer gut betuchten Region in der Nähe von Zuric. Die Wohnung ist riesig verglichen mit der Größe einiger Bewohner. Dabei ist Balloo stolz auf seine 89,5 Zentimeter, gemessen von der Nasenspitze bis zu den unteren Gliedmaßen, die er immer dann in die Hand nimmt, wenn er in Flagranti erwischt wird – was recht häufig vorkommt.

Normalerweise finden seine Ausflüge tagsüber statt, aber an diesem schicksalhaften Abend machte ihm die anhaltende und durchdringende Leere in seinem Magen einen Strich durch die Rechnung. Weil seine Eltern Bodenheizung haben und sein Magen letztlich immer die Oberhand gewinnt, hält Balloo selten lange Winterschlaf. An diesem Abend jedenfalls hätte er vor dem Winterschlaf gern noch ein wenig weißen Honig gegessen.
Touki sagte nicht nein. Und so machten sich Pfoten und Flügel aus Velours gemeinsam zum Küchenschrank auf …

Der Tisch war seit einer guten Stunde gedeckt.

Um ehrlich zu sein, war das nichts Ungewöhnliches bei einer stolzen und ehrbaren Swizer Familie, deren Oberhaupt an jeder roten Ampel den Motor ausmachte und die Korken von Weinflaschen recycelte. Gute Manieren wie auch die Kunst der Bewirtung wurden hier gepflegt, und so verwundert es nicht, dass zwischen den beiden anwesenden Paaren beste Stimmung herrschte. Dafür fiel draußen an diesem Abend des neuen Jahres der Schnee in dicken Flocken vom Himmel, wie es die „Wetterfee“ mit Haaren in der Farbe von Berghonig vorhergesagt hatte. Obwohl die Festtage in den Köpfen und fülligen Körperteilen mancher Tischgenossen noch sehr präsent waren, wie auch die Personenwaage an diesem Morgen unmissverständlich gezeigt hatte, freuten sich alle über den neuen drohenden Kalorienorkan. Der Ursprung befand sich in diesem Moment zum Köcheln auf der brandneuen Keramikplatte von Tsug, die seine aktuellen Benutzer mit viel Stolz erfüllte.

Präzise bis zum Exzess machten die Swizer selten halbe Sachen, außer vielleicht beim Fondue, dessen große, aber kontrollierte Blasen für den folgenden Tag weniger kontrollierte Bauchschmerzen verhieß. Genau dieses wartete nun darauf, in den hochwertigen Fonduetopf der Galeries Mondaines umzuziehen, der in der Mitte des Tisches thronte.
Der Hausherr war mit den letzten Vorbereitungen beschäftigt und stellte Paprika, Muskatnuss sowie Tsuger Kirschwasser aus bestem Hause auf den langen Milchglastisch von Exterio. Fehlte nur noch das Weißbrot, das zwischen dem schweren Fonduetopf und der vielversprechenden Flasche Abîme platziert wurde, die zu diesem Anlass auserkoren worden war.

Nun entschied die Hausherrin, dass das kostbare Gemenge „Classino Auslese“ aus Vacherin-Käse und Gruyezer endlich fertig war. Daraufhin wurde es sehr vorsichtig in seine vorletzte Bleibe geschüttet, um die sich das Paar und seine beiden Freunde niederließen.

Der Hausherr regulierte das knisternde Feuer unter dem schweren Behälter. Anschließend bot er den Gästen Weißbrot an, das zuvor mit viel Liebe à la Brunoise geschnitten worden war, wobei die Würfel exakt zwei Zentimeter auf jeder Seite betrugen und damit etwas größer als üblich ausfielen. Seine knoblauchgeschwängerten Finger ließen die Nasenlöcher der Anwesenden vor Wonne erzittern. Endlich wurden auch die Gläser gefüllt, ohne Spritzer oder Verlust eines einzigen edlen Tropfens dank der frisch erworbenen Drop-Stop-Schnur.

Das Festmahl konnte beginnen. Die Gabeln stürzten sich auf die ersten Stücke, die anschließend synchron in den Fonduetopf getunkt wurden.

Dann schien die Zeit stillzustehen – wie in einer gut gemachten Zeitlupenszene im Kino. Das Klirren der Gläser zog sich hin, während die ausgetauschten Trinksprüche im reißenden Geräusch des Fonduetopfs untergingen, der plötzlich explodierte und vor den erstarrten Gesichtern der Anwesenden seinen wertvollen Inhalt in alle vier Ecken des Esszimmers schleuderte. Also, der Anwesenden, die noch etwas sehen konnten …

Die Szene ging indessen nicht für alle verloren.

Balloo dachte sofort, er hätte eine Sprengfalle ausgelöst. Reumütig nahm er seinen Mut zusammen, viel war es nicht, um dann erleichtert festzustellen, dass er immer noch ganz war. Er sondierte die Lage. Noch immer befand er sich im Schrank und, was noch wichtiger war, der Grund seines frühabendlichen Ausflugs weilte immer noch auf dieser Welt. Touki offensichtlich auch. Trotz der Dunkelheit blickten sich die beiden an. Sie hatten doch eine Explosion gehört!
„Balloo, Balloo! Geräusch draußen kommt!“, rief Touki in dem rückständigen Französisch von Hans Karl Schneider, dem Spielzeuggeschäft, aus dem er stammt.

Vorsichtig öffnete Balloo die Schranktür. Das überwiegend dickflüssige, stinkende Gemetzel erstreckte sich vom Nebentisch bis zur angrenzenden Wand, die inzwischen eine undefinierbare Färbung angenommen hatte. Einige der Anwesenden waren noch mit geschmolzenem Käse der gleichen Farbnuance bedeckt, und auf dem Boden lagen überall Scherben des Fonduetopfes verstreut. Eine Scherbe war direkt vor dem Küchenschrank gelandet. Neugierig wie er war, lehnte sich Balloo heimlich aus dem Schrank und schnappte sich das Teil.

In der Swiz wie auch anderswo gab es viele solcher Wesen, und das schon seit langem. Die meisten teilten das Leben der Menschen, aber einige blieben unter sich und bildeten eigene Gemeinschaften. Andere wiederum zogen es vor, allein zu sein, sobald sie sich ihres „Erwachens“ bewusst geworden waren – und auch des ganzen Restes. Toukis Bewusstsein zum Beispiel erwachte erst, nachdem er bei der Familie angekommen war.

In der Presse wurde gewöhnlich viel Wirbel um die „dritte Art“ veranstaltet. Einige gehässige Schreiberlinge beschimpften die Mitglieder als Tertios. Ottonormalverbraucher wusste nicht wirklich, woher diese Wesen stammen, und es gab viele wilde Gerüchte. Manche behaupteten gar, dass es sich um reale Personen handelte, die unvollendet in diese Welt gekommen waren. Ohne genau zu wissen, warum und ohne Erinnerung darüber, womit sie ein solches Schicksal verdient hatten. Bei ihrem Erscheinen waren sie immer jung und hatten alle eine Gemeinsamkeit: Nicht nur, dass sie den Körper und die Stärke eines bestimmten Tiers aufwiesen, sie besaßen auch einige von dessen Eigenschaften, die ihnen die ganze Zeit über erhalten blieben.

Mit finanzieller Hilfe hatte sich Balloos Familie, die übrigens kinderlos war, eines Tages bei einer der verantwortlichen Organisationen angemeldet und sich bereit erklärt, als „Trägerfamilie“ einige Wesen aufzunehmen …
Entgegen der negativen Presse in bestimmten Medien, in der es eher um die involvierten Organisationen als um die Wesen selbst ging, verlief das Zusammenleben in der Regel sehr gut. Sie war beinahe natürlich, und nicht selten wurden die Wesen von der Familie, in der sie lebten, wie die eigenen Kinder angesehen. Daher auch der gängige Gebrauch von „Mama“ und „Papa“. Was die Sache vereinfachte. Die Swiz wie auch die ganze Welt war problemlos in der Lage, sie aufzunehmen. Was ihre Größen betraf, hatte man vorgesorgt, ganz egal, wie lang ihr Aufenthalt dauerte. Es gab Unternehmen, die den neuen Markt erkannt hatten und in regelmäßigen Abständen maßgeschneiderte Produkte für die verschiedenen Größen lancierten. Ebenso gab es Menschen, die sich mit dieser Idee schwer taten; auch in diesem Land, wo die Rassenvielfalt in gewissen Kreisen nicht immer gern gesehen wurde. Unsere Helden waren allerdings weit von solchen Kreisen entfernt, lebten sie doch in einer Multikulti-Familie: Der zweisprachige Vater war halb Appenzeller, halb Bäärner Jurassier, dafür aber frankophon, während seine Frau eine geborene Wienerin war.

Balloo und Touki bemühten sich, ihre eigene Herkunft zu vergessen und machten sich noch kleiner als sie ohnehin schon waren, um die Unterhaltung der Erwachsenen zu belauschen.

„Geht es allen gut?“, fragte der Hausherr.
„Wie konnte das passieren?“, ereiferte sich seine Frau Sigrid. „Ein exklusiver Fonduetopf der Galeries Mondaines für 289 Franke, das ist unerhört! Aaargh, und meine Wände!“
„Hör auf mit deinen Wänden und deinem Fonduetopf in limitierter Auflage! Hilf mir lieber, mich um Wouter zu kümmern. Er hat eh schon Probleme damit, seine heutige Niederlage beim Squash zu verdauen. Sie sind selten, weißt du …“
„Nun, zumindest wird er dein Fondue nicht verdauen müssen!“
„Du erinnerst dich vielleicht? Ich wollte den Topf bei Majestic kaufen.“
„Ab ins Badezimmer alle zusammen! Und seht zu, dass ihr nicht alles schmutzig macht. Ich habe heute geputzt!“
Die beiden kleinen Spione, die auf schnellstem Weg zurück ins Basiscamp im Bett der Eltern gelangen wollten, wo sie in der Regel nicht weiter auffielen, bekamen den Rest nicht mehr mit.

Der Moment war günstig.

Touki und Balloo sprangen von ihrem Regal herunter und ergriffen die Flucht, der eine mittels seiner Flügel, der andere mittels seiner Pfoten. Sie durchquerten den Flur, der zum Schlafzimmer führte, während die vier Erwachsenen versuchten, sich zu säubern, ohne Dreck zu machen. Schwer atmend kletterte Balloo ins Bett, gefolgt von seinem kleinen Bruder – zu Zébris großer Überraschung, dessen seliges Schnarchen jäh unterbrochen wurde.

Nur wenige Minuten später wurde Kriegsrat gehalten.

„Und? Was ist eure Entschuldigung?“, fragte Zébri schlaftrunken und entsprechend übellaunig.
„Es ist schrecklich!“, antwortete Balloo.
Seine Furcht klang überzogen, was für ihn ganz typisch war. Eine weitere Eigenart, um die Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen zu erregen.
„Komm, sag schon!“, drängte Zébri, ebenfalls ein Überläufer von Hans Karl Schneider. Ungeachtet seines dominanten Magens war er Realist.
„Es ist schrecklich!“, skandierte Balloo erneut. „Al Qaselza hat heute Abend wieder ein Attentat verübt, und ich musste meinen ganzen Mut aufbringen, um aus dem Schrank zu flüchten, bevor er zusammenbricht.“
„Hör auf mit dem Ammenmärchen!“, entgegnete Zébri ungerührt. „Erzähl, was wirklich passiert ist!“
„Äh, nun … Touki hatte Hunger …“
„Lüge nicht wahr. Lüge dick wie Balloo!“, wehrte sich der erstaunliche Vogel.
„Also … Ich habe zufällig mitangehört, und ohne dass ich es wollte, dass es möglicherweise im Schrank Honig geben könnte. Und … äh … es gab tatsächlich welchen. Aber weil Papa und Mama dort waren, haben wir uns versteckt, und dann haben wir eine große Explosion gehört. Als wir rausgeguckt haben, waren alle Wände neu bestrichen!“
„Du übrigens auch. Du bist so weiß wie die Wand einer Mietwohnung“, antwortete Zébri leicht ironisch.
„Also, das stimmt ja wohl überhaupt nich. Und überhaupt, wer hat sich todesmutig aus dem Schrank gelehnt. Hm? Wer?“
„Ich schätze, du hattest Todesangst gepaart mit einer Mordsneugier“, parierte sein gewitzter Bruder.

Balloo spürte, dass sich der Wind drehte und erinnerte sich an seinen Fund. Stolz präsentierte er seinen verblüfften Brüdern die Scherbe vom Fonduetopf.

„Da bleibt euch wohl die Spucke weg, was?
„Was ist das, Balloo?“, fragte Zébri.
„Vielleicht ein Stück von der Bombe, aber das weiß ich noch nich genau“, antwortete dieser. „Es riecht jedenfalls seltsam. Es lag direkt vor dem Schrank, als wir rausgingen …“

Zébri näherte sich der Scherbe und berührte sie mit der Spitze seiner Glieder. Das war seine ganz eigene Art, Gegenstände zu überprüfen. Er ließ keine Gelegenheit aus, seine Hufe in den nächstbesten Behälter oder Inhalt zu tunken, vor allem wenn er ordentlich stank, um sie dann von denjenigen, die es wollten, beschnuppern zu lassen. Die käsegetränkte Scherbe vom Fonduetopf kam ihm da sehr gelegen …

„Hey, schaut mal! Ich glaube, da steht was geschrieben!“, rief er, als er mit der Spitze seines Hufs die Scherbe umdrehte.
Die Schar gruppierte sich um den wertvollen Fund, und Balloo streckte stolz die Brust heraus. Zur allgemeinen Überraschung befanden sich dort seltsame Schriftzeichen, die sehr klein geschrieben waren und in etwa so aussahen: 拯救我們
„Äh, was bedeutet das, Touki?“, fragte Balloo. „Für mich sieht das chinesisch aus! Aber was hat Al Qaselza mit China zu tun?“
„Wissen du sollst“, antworte der erstaunliche Vogel. „San-Sumso du machst!“

Wie Zébri auch liebte Balloo die Kampfkunst über alles, doch während sein jüngerer Bruder erst am Anfang seines Könnens stand, trug er bereits den Honiggürtel in Jiu-Jitsu. Gemeinsam mit Vater und Bruder trainierte er an zwei Abenden in der Woche im „Sanbudo Klub“ auf der anderen Seeseite. Zwar war sein schwarzer Kimono maßgeschneidert, dennoch sah Balloo darin aus wie ein kugelförmiger Hartkäse. Aber gerade seine Rundungen waren es, die ihm bei bestimmten Griffen und Techniken zum Vorteil gereichten. So hatte er keine Schwierigkeiten damit, seine Gegner über die Schulter rollen zu lassen, vorausgesetzt natürlich, sie waren nicht zu groß. Aus dem Grund trainierte er vorwiegend mit Zébri. Trotz zweier Prüfungen in der Vergangenheit trug dieser immer noch den weißen Gürtel und machte sich einen Spaß daraus, mit seinem doppelten Scheitern zu kokettieren. Diejenigen, die es hören wollten, erinnerte er gern daran, dass jede andere Gürtelfarbe als die aktuelle ohnehin nicht zu seinem Fell gepasst hätte.

Balloo beschloss, beim bevorstehenden Training mehr über die Scherbe in Erfahrung zu bringen …

Nachdem sie mitgeholfen hatten, den neuen Putz aus Alpenmilch von den Wänden zu kratzen, machten sich die Gäste auf den Heimweg. Während das einzige weibliche Familienmitglied weiter widerspenstigen Wassertropfen im Aluminiumwaschbecken nachjagte, trafen sich die anderen zu einer wohlverdienten Pause auf dem heimischen Sofa. Dort fläzten sie sich vor den 55,5-Zoll-Fernseher, um die Spätnachrichten auf Télé-Zuri zu schauen. Der Sprecher wirkte so anmaßend wie ein Bergsteiger, der von der Nordseite her den Mont Cervin erklommen hatte. Passenderweise hatte man just heute wieder zwei in Appenzell festgenommen, die nackt, wie Gott sie schuf, versucht hatten, den Säntis-Gipfel zu erklimmen – ein ungemein beliebter Sport in der Eidgenossenschaft. Vor allem aber war es der Bericht über eine geheimnisvolle Fonduetopf-Explosion in einem kleinen Restaurant in der Region von Lausanne, die die Familie aufhorchen ließ.

Eine hübsche Journalistin wurde eingeblendet. Zunächst leitete sie kurz das Thema ein, dann interviewte sie den Eigentümer des Etablissements, der sich offenkundig unwohl fühlte. Im Hintergrund waren Feuerwehrmänner zu sehen, als plötzlich der jüngste von ihnen vor die Kamera sprang und das Siegeszeichen machte. Daraufhin schubste ihn die Journalistin mit den Worten „Schätzli, i bi am Schaffe“ zur Seite.

„Sigrid, schau mal! Wieder ein Fonduetopf, der ein schlechtes Ende genommen hat.“
„Du siehst doch, dass ich gerade damit beschäftigt bin, die Küche zu putzen!“, antwortete die emsige Gattin.
„Du machst Witze! Es ist 22 Uhr. Lass die Putzlappen fallen und komm her! Die restlichen Tropfen können warten!“
Währenddessen suchte der untröstliche Restaurantbesitzer nach den richtigen Worten, um seine Überraschung durch das Mikro der Journalistin kundzutun, deren Französisch doch sehr an das von Touki erinnerte.
„Es ist unbegreiflich, Mademoiselle, unbegreiflich!“, rief er mit seinem nasalen Akzent. „Dabei habe ich damals nicht einmal gegen die Minarette gestimmt! Schauen Sie sich das an!“, sagte er weiter und zeigte auf den Ausgang des Dramas. „Nicht auszudenken, dass meine brandneuen Fonduetöpfe den Geist aufgegeben haben. Und jetzt werde ich deswegen meine Gäste verlieren.“
„Was für eine verrückte Geschichte, Liebling!“, rief der Vater.
„Papa, du glaubst doch nich etwa an Geister?“, fragte Balloo mit ängstlicher Stimme, dabei zitterte er mehr als nur leicht.
„Nein, aber ich wundere mich, dass diese Fonduetöpfe ausgerechnet in der Swiz explodieren. Alles ändert sich. Wo soll das bloß hinführen?“ Der Vater zog eine Schnute. „Na gut, genug Aufregung für heute. Zeit, schlafen zu gehen!“

Während der Winterferien war es normalerweise üblich, das süße Nichtstun am See zu genießen, doch in den folgenden Tagen legten die Jungs einen ungewohnten Tatendrang an den Tag. Besonders Balloo war nach wie vor durcheinander und fühlte sich manchmal so, als würde er vor einem dunklen Abgrund stehen.

Eines Morgens wurde im Radio ein weiterer Vorfall vermeldet, im Tessin diesmal. Balloo, der die mysteriöse Scherbe in der Pfote hielt, er trennte sich so gut wie nie davon, führte gerade seine vielen Fragezeichen spazieren. Dabei schritt er die Windungen der Wohnung auf und ab und verpasste dem Boden eine neue Politur. Während sich die Mutter darüber freute, zeigte sich der Vater besorgt.

„Balloo, was rennst du ständig in der Wohnung umher?“, wollte er wissen.
„Äh … ich … nun ja, es ist Winter“, stammelte Balloo. „Da schadet es nich, sich ein wenig die Füße zu vertreten.“
„Kannst du das nicht draußen machen?“
„Mama meinte, wenn ich reinkomme, würde ich den Schnee von draußen überall verteilen.“
„Ja, und es ist besser, sie nicht damit zu ärgern, das sage ich dir. Aber sag mal, müsstest du um diese Jahreszeit nicht Winterschlaf halten?“
„Äh, tja, du schnarchst zu laut und nimmst mir die Decke weg. Ich friere und kann nich schlafen!“
„Was? Du machst wohl Witze? Die Wahrheit ist: Du verbringst zu viel Zeit vor dem Fernseher, um zu spielen. Das regt dich zu sehr auf!“

Die Familie war seit zwei Jahren stolze Besitzerin eines Impendo Shii, doch seitdem war auf der Konsole kein anderes Spiel gelaufen als das, was mitgeliefert worden war. Abgesehen von einer Bügelsimulation, die Sigrid von den männlichen Mitgliedern des Hauses in einer großmütigen Geste geschenkt bekommen hatte. Balloo rührte das erste Spiel selten an und noch weniger das zweite. Lieber posaunte er heraus, dass virtuelles Tennisspielen bei ihm Kopfschmerzen verursachte, als seinem Vater zu gestehen, gegen den er übrigens selten gewann, dass er ein schlechter Verlierer war. So fläzte er sich gewöhnlich auf die Bean Bag im Gästezimmer, um auf der ZBOX 350 die Monster von „Dragon Rage 2“ im Alleingang platt zu machen. Diese zweite Konsole gehörte seinem Vater; ein Geschenk der Nachbarin, nachdem er ihre Katzen gehütet hatte.

„Das ist doch gar nicht wahr!“, entgegnete Balloo. „Außerdem bin ich besser als du, außer bei „Bügelmaster“.

Sein Vater lachte.

„Das werden wir nächstes Mal sehen! Aber jetzt muss ich los, Besorgungen machen. Seht zu, dass ihr fertig seid, wenn ich zurückkomme, damit wir zum Training fahren können.“

Weder Balloo noch Sigrid wussten Bescheid, aber in Wirklichkeit fuhr Hans-Pierre nicht nur los, um Besorgungen zu machen. Er war bereits seit einigen Monaten arbeitslos und musste regelmäßig das RAV aufsuchen, das Arbeitsvermittlungszentrum im Nachbarort. Dort legte er über seine Jobsuche Rechenschaft ab, die ähnlich von Erfolg gekrönt war wie die geänderten Abfahrtszeiten bei der Bahn. In einer sich ständig wandelnden Welt war die Swiz wirklich nicht mehr das, was sie einmal gewesen war. Was den Ex-Bankmanager betraf, so machte er sich Sorgen um seine Zukunft und der seiner vielköpfigen Familie. Unterdessen hatte er beschlossen, sich in heilbringendes Schweigen zu flüchten. Mal behauptete er, er müsse zu Hause Telearbeiten tätigen, mal bewaffnete er sich mit dem Laptop und tat so, als würde er morgens ins Büro fahren. Aber in Wirklichkeit fuhr er woanders hin, um dort seine Jobsuche fortzusetzen. Um den Schein zu wahren, zog er häufig einen Anzug an und behauptete, er müsse zu einer geschäftlichen Besprechung, doch die Wintermonate waren eher mager gewesen, und angesichts der Krise, die bald über ganz Europa hereinbrechen würde, konnte er nicht mehr so oft auf diese Lüge zurückgreifen.

Der brandneue, ultramoderne Gebäudekomplex, in dem sich die Behörde befand, machte die Sache nicht einfacher, sondern eisiger, als es die Jahreszeit ohnehin schon war. Die kantige Architektur fand sich auch im grobschlächtigen Gesicht der jungen Beraterin wieder, die ihm nach sechs Monaten Arbeitslosigkeit neu zugeteilt worden war. Ein Gesicht wie ein Schuhkarton von Neewigut. Hans-Pierre hätte schwören können, dass die Beraterin ihn fixierte, in der kaum zu verhehlenden Hoffnung, ihn von ihrer Vermittlungsliste streichen zu können.

Mit seiner ordnungsgemäß ausgefüllten Liste von Bewerbungsaktivitäten in der Hand versuchte er, seine Gesprächspartnerin zu beruhigen. Es ging darum, Überzeugungsarbeit zu leisten und darauf zu hoffen, dass sie ihm nicht einen Job in irgendeinem Fastfood-Restaurant oder Callcenter aufdrängen würde. Die meisten seiner Bewerbungsgespräche endeten mit einem immerwährenden und lakonischen „Wir haben Lebensläufe bekommen, die unserem idealen Profil noch besser entsprechen.“ Deren Häufigkeit hatte ihn zu der Annahme bewogen, dass alle Personalleiter des Landes ihre Antworten an die Produkte ein und desselben Verkäufers von exotischen Papageien weiterleiteten. Für ihn bestand kein Zweifel, dass der Verkäufer inzwischen in den Bahamas seine Rente in vollen Zügen genoss, nachdem er seine geflügelten Produkte entsprechend gebrieft hatte.

Hans-Pierre, dem es gelungen war, die Beraterin zu überzeugen, war erleichtert, dass er noch nicht als Junkfood-Angestellter oder als Arbeitstier in einem Telefon-Zoo anheuern musste. Vor der Kamera, die das Gebäude sicherte, gab er sich lässig, als er das RAV verließ, um zum Parkplatz zu gehen. Er drückte den Knopf der Zentralverriegelung, doch das gewohnte ‚Plip Plip‘ blieb aus. Wieder so eine Überraschung, die mit den jetzigen Temperaturen zusammenhängen, schoss es ihm durch den Kopf. Mithilfe seines Schlüssels öffnete er die Fahrertür und setzte sich hinter das Lenkrad aus eiskaltem Leder, dann schnallte er sich an und drehte das Zündschloss um. Das Radio ging an und stoppte automatisch bei seinem Lieblingssender. Es war die Zeit der Nachrichten. Zu Hans-Pierres großer Überraschung hatte erneut eine Fonduetopf-Explosion stattgefunden, diesmal in einem Glarner Restaurant. Es hatte Ziger gegeben, einen eigenartigen Käse aus der Region. Zum Glück war es zu keinerlei Schäden gekommen, aber einige Gäste, die unter Schock gestanden hatten, befanden sich unter Beobachtung. So auch der Besitzer, nachdem er sich ein Bild von den erstaunlichen Farbeigenschaften der Hauptzutat auf seinen Wänden gemacht hatte.

Es begann erneut zu schneien, was Hans-Pierres düstere Laune noch unterstrich.

Wie auch Balloos Traum, einige Kilometer entfernt …

Honiggurt

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Üglikon war wirklich nur ein Trabantendorf, das auch noch schlecht beleuchtet war. Es wurde hauptsächlich von russischen Milliardären geschätzt, die von dem außerordentlich wohlwollenden Steuerwesen profitierten. Obwohl die Ortschaft unterhalb einer lauten und stark befahrenen Autobahn lag, die zu den Landesgrenzen führte, brüstete sie sich mit einem ultramodernen Gymnasium, das für viel Geld errichtet worden war.

Balloo und Zébri, die auf dem einzigen Beifahrersitz des Mozdu MX50 saßen, fuhren genau dorthin. Seit der Kaltstellung des gierigen Familienschlittens war das einfache, aber sparsame kleine japanische Cabrio zum Erstwagen avanciert. Bis wieder besser Zeiten kamen. Einziger Komfort war eine elektrische Sitzheizung, die für wohltemperierte Hinterteile sorgte, trotz der Kälte, die draußen herrschte. Was Hans-Pierre betraf, der am Steuer saß: Er bemühte sich, eine gute Figur zu machen, indem er ein fröhliches Lied pfiff.

Balloo wandte sich ihm zu.

„Sag mal, Papa, glaubst du, dass mir Meister Alois nach der Stunde etwas Zeit erübrigen kann?“
„Warum nicht? Worüber willst du mit ihm reden? Glaubst du, dass du für den schwarzen Gürtel bereit bist?“
„Äh, nich wirklich. Ich möchte mehr über die Anfänge des San-Sumso erfahren, weil der Meister bei den Prüfungen immer wieder Fragen dazu stellt“, log Balloo, so gut er konnte.
„Sanbudo, Balloo, Sanbudo“, verbesserte ihn sein Vater. „Ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass du nach so vielen Jahren die Anfänge kennst!“
„Ich bin zwar nich so alt wie du, trotzdem neige ich dazu Dinge zu vergessen, wenn ich an Honigmangel leide …“
„Das würde mich sehr wundern. Erst vorhin habe ich die letzte Rechnung von DäLade gesehen. Du wirst in Zukunft weniger online kaufen müssen. Ich möchte dich daran erinnern, dass die Krise droht und du lernen musst, zu sparen!“

Sanbudo war der Zusammenschluss mehrerer Kampfsportarten, der vor allem auf dem japanischen Jiu-Jitsu, dem Sport der Samurai, und dem Karate basierte. Balloo hatte dessen Existenz vor Jahren zufällig entdeckt, nachdem er sich bei einem erbitterten Kampf mit dem widerspenstigen Deckel eines Honigglases das Handgelenk verrenkt hatte. Daraufhin hatte er sich näher mit Kampfkunst beschäftigt und beschlossen, sich in Zukunft nicht mehr von seiner Lieblingsspeise plattmachen zu lassen, speziell von einem „weißen Gürtel“ aus Kanada.

Das kleine Auto fuhr durch Frankenwill, die Einheimischen nannten die Perle am Oberen Zuric-See liebevoll „Franki“. Die mittelalterliche Stadt befand sich auf der Halbinsel, die den Zuric-See in Nord und Süd teilte, und hatte im Laufe der Jahre nichts von ihrem Charme eingebüßt. Zahlreiche Gässchen mit Pflastersteinen durchzogen das Zentrum und setzten mit ihren vielen kleinen Läden charmante Akzente, die alles Mögliche darboten: von zu scharfen und nicht immer gut durchgebratenen Kebabs über Luxusuhren, die nicht immer die richtige Zeit anzeigten bis hin zu anderen Produkten von eher zweifelhaftem Nutzen, die in der Saison von unzähligen Touristen erworben wurden.

Balloo kam in den Schulferien gern zum Entspannen hierher, die zu große Sonnenbrille auf der Nase und sein Lieblingsgetränk schlürfend, einen „Sambucha Carpe Diem Classic“ mit Honig. Dann saß er auf einem der Liegestühle, die im Frühling gegenüber dem Hafen aufgestellt wurden, und genoss den Anblick der vorbeifahrenden Schiffe. Fluten von Passagieren jedes Alters, die in unaufhörlichen Wellen herausströmten, drängten sich auf einen langen Steg, an dem viele Boote – und zahlreiche Enten auf der Suche nach Essensresten – angelegt hatten. Eines dieser Boote, dessen Name er vergessen hatte, gab immer wieder Anlass zu Klatsch. Sei es, weil es nach und nach Teile verlor, oder weil es schwimmunfähig war, oder beides. Die Swizer Technologie war ganz offensichtlich nicht mehr das, was sie einmal gewesen war, doch Frankenwill widerstand immer noch erfolgreich dem wiederholten Ansturm des Fortschritts wie auch der Besucher.

Der Weg, der sich entlang der Festungsmauern ums Zentrum schlängelte, betonte die malerische Seite der Altstadt. Darüber gelangte man zum Schloss, das über den Dächern thronte und zu einem Museum umgebaut worden war. Das zugehörige Restaurant lockte vor allem diejenigen Besucher an, die schlecht informiert waren. Im Sommer veranstaltete die Stadt zahlreiche Festivals. Ein besonders originelles Festival widmete sich dem Thema Feuerwerk. Romantisch Gesinnte und Crews aus aller Welt trafen sich beim Klang von „Oh, schau mal, die rote!“ zu einem unvergesslichen Stelldichein – zur großen Freude der Verkäufer von unverschämt teurem Eis.

An diesem Abend jedoch war Frankenwill leer gefegt wie ein Jasmin Bünzli-Konzert für Leute unter 55, und das kleine Auto setzte seinen Weg ohne Zwischenfälle fort. Es durchquerte das Zentrum und nahm die Straße über dem Staudamm. Dabei fuhr es über die wiedererbaute Holzbrücke, welche die Bewohner mit Stolz und die Schwimmvögel mit Freude erfüllte, waren die Ruheplätze hier doch stabiler als auf dem Wasser des Sees. Dann nahm das Auto die Abzweigung nach rechts, am Palazzo Del Lago vorbei, einem Luxushotel, in dem die Unternehmen der Region gern Seminare abhielten, und ließ Frankenwill hinter sich.

Der Klub von Üglikon war der kleinste weit und breit, dafür war er aber auch der herzlichste. Vielleicht gerade wegen seiner Größe. Daran hatten auch die gelegentlichen Besuche der Mitglieder aus anderen Klubs nichts geändert; auch nicht aus dem größten, dem Klub von Fasel, zu dem insbesondere Zébri enge Beziehungen unterhielt. So teilte das Team gern seine Zeit und seine zahlreichen Muskelkater mit Zoran, Res, Philipp, Karin, Alec, Pasqui, Hammer, Patrick, Afri und all den anderen, und zwar jeden Dienstag und Donnerstag.

Nachdem das Auto geparkt worden war, begab sich die Familie zu den Umkleideräumen, wo sich bereits einige der anderen Sanbudokas aufhielten.

„Grüzi mittenand“, sagte Balloo in seinem rudimentären alemannischen Kreolisch.

Alle antworteten ihm auf korrekte Weise, niemand machte sich über ihn lustig, schließlich hatte Balloo in der Sprache von Wilhelm Tell erhebliche Fortschritte gemacht. Obwohl die beiden Brüder und ihr Vater dort ihren Platz gefunden und sich schnell unentbehrlich gemacht hatten, waren die Jungs immer noch die einzigen ihrer Art.

Nachdem einige Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht worden waren, streifte sich Balloo mit erklärtem Stolz seinen dicken schwarzen Hiroku-Kimono über und band seinen honigfarbenen Gürtel, den er mit viel Mühe und Schweiß erst vergangenes Weihnachten erhalten hatte. Schnell rief er sich seine Prüfung ins Gedächtnis, dann ging er frisch motiviert eine Etage tiefer. Dorthin, wo sich der Dojo befand. Gemeinsam mit seinem Vater und Zébri betrat er die quietschgelbe Vorhalle. Bis auf ihre Gürtel waren die beiden ebenfalls schwarz gekleidet. Zébri trug einen weißen Gürtel, während sein Vater einen zweifarbigen Shodan-Ho über dem schwarzen Gürtel trug. Balloo ging die Treppe hinunter und durchquerte den langen Flur, der ebenfalls die Gürtelfarbe von fortgeschrittenen Anfängern aufwies. Aus der Trainingshalle ganz am Ende des Flurs erschallte die Stimme des Meisters und der anwesenden Junioren.

Gewöhnlich fand jeden Dienstag eine Stunde mit den Junioren statt, doch die Brüder hatten sich trotz ihrer Größe geweigert, daran teilzunehmen. Als Argument hatten sie Balloos höheren Grad vorgebracht sowie die Notwendigkeit, mit einem Uke, einem Partner gleicher Größe, zu trainieren. Die jungen Sanbudokas, die nun ihrem Meister gegenüber standen, stellten sich so leise wie möglich in eine Reihe, dann knieten sie sich zum finalen Gruß hin. Während er zu Balloos Lieblingsmomenten gehörte, beherrschte ihn Zébri noch nicht gut, und die Knie des Vaters meldeten in der Regel scharfen Protest an.

Die Junioren verließen den Dojo, und die ebenfalls barfüßigen Senioren traten auf die dicken Tatamis aus nachtblauem Reisstroh, nachdem sie, wie es Tradition war, dem Saal ihre Aufwartung gemacht hatten. Meister Alois begrüßte seine Schüler einzeln, danach stellten sich diese ihrem alten Meister zugewandt in eine Reihe. Seiner Gürtelfarbe entsprechend stand Zébri auf der einen Seite, während der Rest seiner Familie an diesem Abend unter den zehn Teilnehmern verteilt war. Im Gegensatz zu den Knien mancher war der finale Gruß ein gut geöltes Ritual, das den Kontrapunkt zum Gruß bildete, der den Beginn des Trainings markierte: den Zazen, den sich die Senioren nun anschickten durchzuführen.

„Mokuso, hajime.“

Alle knieten sich gleichzeitig hin, legten ihre Hände entspannt auf ihre Oberschenkel und schlossen anschließend die Augen, um sich in ihre Gedanken zu flüchten, auf der Suche nach Konzentration. Balloo, der seinen Geist leeren wollte, versagte kläglich. Das Vorhaben, seine Entdeckung mit dem alten Meister zu teilen, regte ihn zu sehr auf.

„Mokuso, yame.“

Der kleine Bär öffnete die Augen, legte die beiden Vorderpfoten aneinander und lehnte sich nach vorn, bis seine Schnauze den Boden berührte, um den Meister mit einem leisen „oss“ zu begrüßen.

„Kiritsu.“

Die Schüler richteten sich auf und standen still wie eine gut einstudierte Armee.

Die Trainingsstunde begann mit einer ziemlich langen Aufwärmphase, bei der die Teilnehmer um die Halle rennen und springen mussten, während sie Schultern, Arme und Beine wild bewegten. Das Tempo an diesem Abend war hoch, und es war zu befürchten, dass der Meister seine Schüler nicht schonen würde – zum großen Bedauern von Zébri und seinem Vater, die bereits schwitzten. Die zunehmenden mehrfachen Streckübungen, die darauf folgten, machten es nicht besser. Mit hängender Zunge und nicht ohne zu gähnen, fanden sich die beiden mit der nächsten Übung ab, die darin bestand, verschiedene Techniken des Fallens durchzuexerzieren. Frontal, seitlich, im Salto – die schwierigsten überhaupt – waren für die gut gepolsterten Schüler eine willkommene Möglichkeit, donnernde und oft spektakuläre Pirouetten hinzulegen. Zum Glück boten sie manchen auch die Chance, sich etwas auszuruhen, denn der Dojo konnte je nach Ausmaß nur zwei oder drei Schüler in der Luft und gleichzeitig auf einer Linie aufnehmen. So warteten Zébri und Balloo geduldig darauf anzufangen, der eine mit der Grazie einer schüchternen vorpubertierenden Ballerina, der andere mit der eines erfahrenen indischen Elefanten. Wie Dark Balloo zu gleiten, war die eine Sache, es aber mit der erforderlichen Eleganz zu tun, eine ganz andere …

Balloo jedenfalls war in seinem Element.

Eine Technik jagte die nächste, und er wartete ungeduldig darauf, seine Lieblingstechnik durchzuführen, eine besonders schwierige und für den Gegner oder Partner schmerzhafte Kombination. Er hatte sie vor einigen Monaten während eines Fachweltkongresses in Dänemark erlernt. Zu diesem Anlass hatte man ihn und andere Mutige in einen Minibus verfrachtet und auf eine vierzehn Stunden lange Fahrt durch das große benachbarte Kanton geschickt. Eine Reise, die ihren Sinn für Kameradschaft gestärkt hatte. In Vejile hatten sie einige der großen Dark Balloos getroffen, die der Disziplin ihren Stempel aufdrückten. Balloo selbst hatte die meiste Zeit mit einem alten kanadischen Meister verbracht. Danach hatte er die Techniken unzählige Male wiederholt. Vor einem Spiegel, der in der Zwischenzeit hätte schmelzen müssen, angesichts der Tatsache, dass Balloo keine Gelegenheit ausließ, sich von seinem guten Aussehen zu überzeugen. So nutzte er jede Wasserlache auf seinem Weg, um seine Frisur zu richten.

Heute Abend allerdings machte sie nicht mehr viel her, und der triefende Schweiß bei den meisten zeugte von der Intensität des Trainings. Wie sooft mussten sich die Fortgeschrittenen der Anfänger mit weißem oder gelbem Gürtel annehmen und sich einen Trainingspartner aussuchen. Getreu den Traditionen des Jiu-Jitsus war es Meister Alois wichtig, dass Wissen und technische Fähigkeiten an die jungen Generationen weitergegeben wurden.

Balloo mied bewusst Zébris Blick. Lieber wollte er mit einer jungen und hübschen neuen Teilnehmerin trainieren, die vor kurzem aus ihrer Heimat, dem Bäärner Oberland, hier angekommen war. Sie war ihm bereits einige Trainingsstunden zuvor aufgefallen, doch er hatte bis heute keine Gelegenheit gehabt, sie anzusprechen. Hinzu kam, dass er abgesehen von Walliserisch immer noch Probleme mit dem Dialekt der Hauptstadt hatte. Er verließ sich einfach auf seinen natürlichen, humorvollen Charme, der zwar nicht immer subtil war, dafür aber beruhigende Rundungen besaß, und verbeugte sich, um die junge Frau zu begrüßen. Sie tat es ihm gleich.

Das läuft ja, dachte er erfreut. Obwohl er gerade bis zur Taille seiner Partnerin reichte, gab es bei ihm so etwas wie Selbstzweifel nicht.

„Grüessech, Balloo“, sagte sie gemächlich. „I bi de Kareen“.

Verblüfft starrte Balloo sie an. Sie kannte seinen Namen! Es war das einzige, was er verstanden hatte.

„Äh … iii biiii dö Balloo“, stammelte er.

Trotz der Farbe seines Gürtels fühlte er sich plötzlich seiner Mittel beraubt. Dennoch nahm er sein Herz in die Hand, während er mit der anderen nach seiner Partnerin griff. Die zu trainierende Technik bestand darin, sich mithilfe eines Atemis aus einem Griff ins Revers zu befreien. Dazu genügte in der Regel ein Tritt gegen die Beine oder ein Handschlag ins Gesicht des Gegners, um ihn zu schocken, gefolgt von einem Armblock in Z-Form, der furchtbar schmerzhaft war. Normalerweise wiederholte jeder die Übung dreimal, bevor der andere an die Reihe kam. Jedoch war es üblich, den weißen und gelben Gürteln während der gesamten Übung den Vorrang zu lassen. Die höhergradigen Schüler dienten dann als Prügelknaben. Eine Rolle, die Balloo besonders entgegenkam, vor allem in der Gegenwart eines hübschen jungen Mädchens. Er hatte das von seinem Vater, der selten eine Gelegenheit ausließ, bei einer weiblichen Partnerin die Schmerzenslaute zu übertreiben.

An diesem Abend allerdings hätte Balloos Geräuschpegel den Vater vor Neid erblassen lassen, denn seine Partnerin besaß das einzigartige Talent, Finger zu brechen. Auch wenn es eigentlich nicht zur Technik gehörte, führte es doch zum gleichen Ergebnis. Balloo, der schnell außer Gefecht gesetzt war, bezweifelte, dass er sich Kareen so schnell wieder als Uke anbieten würde. Zu seiner großen Erleichterung fand der Kurs vierzehn Techniken und einige Verwirrungen später ein Ende. Schweigend und erschöpft knieten sich die Teilnehmer zum finalen Gruß erneut hin.

„Kiritsu.“

Der Meister bedankte sich bei den Teilnehmern, und alle applaudierten. Anschließend machten sich die Schüler dran, die Tatamis an einem Platz zu verstauen, der hinter einer Schiebetür in der Wand verborgen lag. Um seine Aufregung zu kaschieren, hätte Balloo in diesem Moment liebend gern zum gleichen Trick gegriffen. Stattdessen beschloss er, sie hinter einer Matte zu verstecken, die er unter größter Anstrengung gemeinsam mit Zébri zu einem immer höher werdenden Stapel trug. Dieser wurde von einem Sanbudoka millimetergenau geschichtet – wie man es von den Swizern halt so kennt. Anschließend verließen die Teilnehmer nach und nach die Halle, nicht ohne sich ein letztes Mal vor ihr zu verbeugen, und begaben sich zu den Umkleidekabinen. Balloo, der sich noch im Dojo herumdrückte, erregte die Aufmerksamkeit des alten Meisters.

„Komm her, Balloo“, sprach dieser langsam, aber mit einer Bestimmtheit, die seine Autorität unterstrich. „Ich spüre in dir den Wunsch, dich anzuvertrauen.“
„Äh, Renshi Alois“, stammelte Balloo. „Hätten Sie etwas Zeit für mich?“
„Die Zeit ist ein relativer Begriff, Balloo. Ohne Anfang, ohne Ende, ohne Gehalt. Ich fühle mich geehrt, dass du dich dazu entschlossen hast, deine zu nutzen, um sie mit mir zu teilen. Obgleich niemand sie wirklich besitzt.“
„Äh, Renshi. Ich habe nich wirklich verstanden, was Sie meinen. Ich werde es wohl gogglen müssen. Aber bis dahin, möchte ich Ihnen etwas zeigen, das ich gefunden habe. Hier … hier ist es“, stotterte Balloo weiter.
Er ging zu seiner Sporttasche, um die versteinerte Scherbe des Fonduetopfes mit den geheimnisvollen Symbolen zu holen, die er sorgsam in ein Täschchen gesteckt hatte. Mit leicht zitternder Pfote reichte er seinem Meister das Bruchstück.
„Sieh diesen Stein, Balloo, denn ist es nicht ein Stein?“, sagte dieser, während er das Teil ergriff und es vor seine wachen, prüfenden Mandelaugen hielt.
„Also, in Wirklichkeit war es in einem früheren Leben ein Fonduetopf, Meister …“
„Geformt aus Stein, vereint und gebrannt nach altem Brauch, um ihm Gestalt und Unsterblichkeit zu verleihen …“
„Äh, ich glaube, diesmal haben Sie sich etwas verheddert, Meister. Der Fonduetopf ist nach wenigen Minuten buchstäblich explodiert!“
„Und doch existiert dieser Stein immer noch, Balloo. Und du hast ihn mir heute gebracht. Aus welchem Grund?“
„Na ja, weil er Schriftzeichen aufweist, die dem Chinesischen ähneln, und deshalb habe ich gedacht, Sie könnten mir vielleicht eventuell helfen, sie … äh … zu übersetzen.“
„Warum möchtest du deren Bedeutung erfahren, Balloo?“
„Weil ich vor Neugier platze, außerdem würden sich meine Brüder über mich lustig machen, wenn ich nach Hause komme, ohne es zu wissen. Das ist der Grund!“, gab der beschämte kleine Bär mit leicht weinerlicher Stimme zu.
„Neugier ist eine menschliche Eigenschaft und zuweilen Quelle großen Wissens. Aber spiegelt der Spott der anderen nicht deren Ängste wider?“

Das Gesicht des kleinen Mannes verdüsterte sich plötzlich, als er seinen Blick über die Zeichen schweifen ließ. Er wandte sich an seinen Schüler und gab ihm die Scherbe zurück.

„Hier sehe ich eine Gelegenheit für dich, deine Ängste zu besiegen, Balloo …“
„Aber Renshi! Ich bin nur ein kleiner Bär, noch blind und unerfahren, der die Zukunft fürchtet und ich begreife nich, was mit mir passiert. Ich habe an diesem Abend nur Honig gesucht!“
„Das Gestern gehört den Ahnen, das Morgen kannst du nicht planen, doch bitte bedenk, das Heute ist ein Geschenk1.“

Der Meister, der bis jetzt vor Balloo gekniet hatte, erhob sich. Geräuschlos ging er zum Ausgang des Dojos und verneigte sich zum Gruß auf der Schwelle. Balloo verfolgte den alten Mann mit den Augen. Ihre Blickte kreuzten sich ein letztes Mal.

„Was die gravierten Symbole auf der Scherbe betrifft“, fügte Alois hinzu. „Sie bedeuten: Rettet uns.“

Dann ging er hinaus und ließ Balloo mit seinen Dämonen zurück.


[1] Frei nach einem Zitat von Alice Morse Earle, das auf älteren Quellen basiert und im Buch „Sun Dials and Roses of Yesterday“ (1902) zu finden ist.

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    - Balloo ist der älteste von […]
  • Prolog

    - Balloo ist ein Teddybär, der […]
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    - Üglikon war wirklich nur ein […]

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Die Helden

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In einer alternativen Schweiz sorgt eine seltsame Seuche, bei der Fonduetöpfe explodieren, für Terror in den Kantonen … Vier eigentlich chancenlose Helden bündeln ihre Kräfte, um das Land vor der Zerstörung zu retten.

Balloo

Balloo

DER TEENAGER, DER SICH IN SEINER HAUT NICHT WOHL FÜHLT ... ist der älteste der drei Hauptfiguren dieser Geschichte. Wie die anderen Vertreter der „dritten Art“ ist er mit Leben und Sprachvermögen gesegnet. Er hält sich für mutig, doch die Unsicherheiten, die mit dem Erwachsenwerden einhergehen, haben ihn fest im Griff. Das gilt auch für seine Gelüste auf Markenhonig. Obwohl er sich seinen Brüdern gegenüber ein wenig tyrannisch verhält, ist er furchtsam und despektierlich. Dafür hat er einen bissigen Humor, der häufig ins Schwarze trifft. Widerwillig – oder vielleicht doch nicht – gerät er mit seinen Brüdern in ein Abenteuer, das ihn hoffentlich ein wenig verändern wird, und zwar zum Guten... Triff ihn und seine Brüder auf Fiesguck! Triff Balloo ebenfalls auch auf Langsagram und Globterest!

Zébri

Zébri

EIN SPRECHENDES PLÜSCHZEBRA UND ZUKÜNFTIGER DJ! ...ist der mittlere der drei Brüder. Er ist ruhiger als Balloo, aber ebenfalls intelligent, und stellt gekonnt eine Verbindung zwischen seinem ältesten Bruder und dem Nesthäkchen her. Besessen von elektronischer Musik möchte er später in dem Bereich Karriere machen. Er besucht die gleiche mehrsprachige Schule am Zuricer Stadtrand wie seine Brüder. Auch schaut er sich gern Fotos von leichtbekleideten Sternchen in der Skandalpresse an, die er in öffentlichen Verkehrsmitteln findet. Doch wird er bei alldem in der Lage sein, wichtige Indizien zu erkennen? Triff ihn und seine Brüder auf Fiesguck!

Touki (aka Touk-Touk)

Touki (aka Touk-Touk)

DAS NESTHÄKCHEN ... UND DER LETZTE ZUGANG ... Zum Glück! Touki ist der gefühlvollste von den dreien, trotzdem ist er nicht ganz so griesgrämig wie Balloo. Sein Look geht in Richtung bunter Rasta. Er ist so etwas wie der Handlanger des Älteren, denn er spricht noch schlecht Französisch, kann dafür aber fliegen! Besteht vielleicht die Gefahr, dass sein angeborenes Einfühlungsvermögen die Brüder ins Verderben stürzt? Wie auch immer: Er ist ein unentbehrlicher Weggefährte, der trotz seines beschränkten Vokabulars manchmal auf erstaunliche Mittel zurückgreift. Triff ihn und seine Brüder auf Fiesguck!

Hans-Pierre

Hans-Pierre

EHEMALIGER RISK-MANAGER UND NEBENBEI IHR VATER. DOCH; WIRKLICH! ... ist so etwas wie der Antiheld dieser ganzen Geschichte. Er ist begeisterter Kletterer und Squash-Spieler und beobachtet gelegentlich Vögel, vor allem aber ist er seit einigen Monaten arbeitslos. Er hat es vorgezogen, seinen Liebsten nichts darüber zu erzählen. Mit zahlreichen Tricks, die bis ins Kleinste durchdacht sind, hält er die Täuschung erfolgreich aufrecht. Er ist nur fünf Jahre von der 50 entfernt und hat Angst vor der Zukunft. Aber die Technologie, mit der er sich umgibt, ist ein wertvolles Werkzeug – auch und vor allem für andere.

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Mani

Mani D. Bädle
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Biografie

Mani D. Bädle ist 1969 geboren. Mit mehreren Diplomen in der Tasche, darunter ein MBA, startet er eine internationale Karriere in diversen, hauptsächlich englischsprachigen, Unternehmen. Er nutzt die Gelegenheit, um viel zu reisen und vor allem im Ausland zu leben, wo er fremde Kulturen wie ein Schwamm aufsaugt und sich inspirieren lässt.

Mani im realen Leben

Zwar ist er Bürger von Zürich, doch eigentlich ist er Weltbürger und speziell Bürger seiner eigenen Welt. Er arbeitet im Marketingbereich eines „FinTech“ Startups und lässt nach Feierabend seiner wilden Fantasie entsprechend freien Lauf. Während einer kürzlichen Reise in den „grossen Kanton“ Mani hat ein Interview auf deutsch an Raps Für Den Lachs gegeben. Der Author ist verlobt und hofft, dass er eines Tages die Zeit finden wird zu heiraten. In der Zwischenzeit hat er einen Blog erstellt, wo er und die Hauptfiguren über die Entstehung des Buches und die aktuelle Lage sprechen.

Motivation

Seine Leidenschaften sind die Kampfkunst, Computer und Internet. Mani schreibt täglich und veröffentlicht selbst  seine Romane, die von Miriam Pharo ins Deutsche übersetzt wurden.

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